1959 – Ein Brief von Walter Gotsmann

Im Sommer 1959 machten Mitglieder des Kulturbundes Neustrelitz einen Ausflug, der sie auch zur Kapelle in Klein Vielen führte.
Geleitet wurde die Gruppe von Walter Gotsmann (s. Foto), der der Gemeinde Klein Vielen am 1. August 1959 einen Brief schrieb, in dem er den Eindruck beschrieb, den Kapelle und Gutspark auf die Gruppe gemacht hatten.
Die Gemeinde Klein Vielen konnte oder wollte sich damals wenig um die Erhaltung dieses kulturlandschaftlichen Erbes aus der Gutszeit kümmern. Manche ihrer Nutzungspläne für das Gelände ließen auch befürchten, dass über kurz oder lang nichts mehr übrig bleiben würde von einstiger Pracht.
Dies jedenfalls war Gotsmanns Eindruck, den er dem Gemeinderat schriftlich mitteilte.
Sein Brief ist ein aufschlussreiches Zeitdokument, das einerseits den damaligen Zustand des Ensembles widerspiegelt.   Anderseits muten seine Vorschläge, wie die Gemeinde es besser machen könnte, noch heute aktuell an – einige davon werden gerade verwirklicht.
Sein Brief (siehe Abbildung) lautete so:

»Auf einer Besichtigungsfahrt des Neustrelitzer Kulturbundes wurden u. a. auch der Park und die Kapelle in Klein Vielen besucht. Dabei musste leider festgestellt werden, dass die Gemeinde diesen beiden Anlagen keinerlei Pflege zukommen lässt.
Ausserdem erfuhren wir, dass man den vorderen Teil des Parkes als Hühnerfarm einrichten möchte. Dieser Plan wurde von allen Teilnehmern der Fahrt abgelehnt und darauf hingewiesen, dass im sozialistischen Staate das Wohl des Menschen vorrangig sei. Nicht den Hühnern soll in erster Linie die Schönheit der alten Parkbäume zugute kommen, sondern den in den neu errichteten Häusern wohnenden Menschen, umso mehr, als dort auch der Kindergarten untergebracht ist.

Im Hinblick auf den Wettbewerb ‚Das schöne Dorf‘ wäre es wünschenswert, wenn der Rat der Gemeinde den ehemaligen Park, vor allem den vorderen Teil, im NAW [Nationalen Aufbauwerk, H. B.] wieder herrichten ließe und damit der Bevölkerung eine Erholungsstätte schaffen könnte, die zugleich ein Schmuckstück des Dorfes wäre.
Die zweite ungenutzte Möglichkeit zur Schaffung einer Erholungsstätte betrifft die Kapelle und die sie umgebende Anlage. Es hat auf alle Kulturbundmitglieder einen schlechten Eindruck gemacht, dass sich die zerstörten Teile der Kapelle nun schon zwei Jahrzehnte rings um den an sich ansehnlichen Bau häufen und dem weiteren Verfall kein Einhalt getan wird. Es wurde vorgeschlagen, zunächst alle aussen liegenden Bau- und Schmuckteile zu sammeln und in einer Nische des Innenraums aufzubewahren; sodann den Eingang durch eine einfache Tür zu verschliessen und eine Tafel mit der Aufschrift ‚Geschütztes Baudenkmal‘ anzubringen.
Ausserdem könnte beantragt werden, dass der Rat des Kreises, Abt. Aufbau die Kapelle in die Liste der geschützten Baudenkmäler aufnimmt. Weiter wird empfohlen, die umgebenden Anlagen auszulichten, die Steige wieder in Ordnung zu bringen und eine Bank an der Feldkante mit dem Blick auf den Barenberg und Peckatel aufzustellen. Dieses Aufräumen und Herrichten liesse sich in kurzer Zeit bewerkstelligen.
Dass die verfallene Brücke innerhalb der zur Kapelle führenden Allee baldigst wiederhergestellt werden muss, versteht sich nach allem oben Gesagten wohl von selbst. Der jetzige Zustand fordert fremde Besucher ganz besonders zur Kritik heraus.
Mit der Verwirklichung der vorstehenden Vorschläge würde die Gemeinde Klein Vielen einen wertvollen Beitrag zum Wettbewerb ‚Das schöne Dorf‘ leisten und beweisen, dass auch die heutige Zeit bereit ist, die von den Junkern übernommenen Parkanlagen zu pflegen, sie weiter zu entwickeln und der Bevölkerung dienstbar zu machen.
Für Beratungen stehen Herr Revierförster Hackert und der Unterzeichnete zur Verfügung.«

Erfolg hatte Gotsmann damals mit seiner Initiative nicht.
So wurde der Hühnerstall tatsächlich gebaut, und da die vielen Hühner durch Raubvögel gefährdet waren, wurde direkt am westlichen Parkrand beginnend als Sichtschutz ein Pappelwald angelegt, der die Sicht auf den Park von Westen her nun vollkommen verstellte und die historische Struktur verfälschte – und bis heute verfälscht.

Walter Gotsmann, der am 8.1.1891 in Granzow bei Mirow geboren wurde, war zur Zeit des Ausflugs bereits im Ruhestand, er hatte in den Jahren zuvor als Dozent für Kunstgeschichte an der Neustrelitzer Volkshochschule sowie als Zeichen- und Biologielehrer an Neustrelitzer Schulen gearbeitet. Ehrenamtlich war er von 1947 bis 1961 als Kreisnaturschutzbeauftragter für den Kreis Neustrelitz tätig und sein besonderes Interesse galt der Erhaltung ländlicher Gutsparkanlagen, die in Folge der Bodenreform 1945 nicht nur in Klein Vielen, sondern auch andernorts häufig in das Eigentum der Gemeinden gekommen waren und deren Pflege, wenn überhaupt, nur noch durch ehrenamtlichen Einsatz gelang.
Gotsmann gründete 1950 eine Kommission „schöne Parkanlagen“, in der neben Gotsmann selbst ein Gartenbaureferent Baumgardt und der Bezirkskonservator für Denkmalpflege, Adolf Hollnagel, arbeiteten. Ihnen gelang es, einige der bedrohten Parkanlagen wie die in Krumbeck, Warbende, Möllenbeck, Stolpe und Goldenbaumer Mühle zu erhalten.Walter Gotsmann starb am 18.7.1961 in Neustrelitz.

Quellen
Foto Walter Gotsmann aus: Behrens, H. & Ziese, B. (Mitarb.) 2007: Lexikon der Naturschutzbeauftragten. Band 1: Mecklenburg-Vorpommern. Hrsg. vom Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung e. V. an der Hochschule Neubrandenburg. Friedland, S. 217. (Quelle des Gotsmann-Fotos: Naturschutzarchiv des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern – Fotograf: unbekannt).
Abbildung Schreiben des Kreisbeauftragten für Naturschutz, Walter Gotsmann, an den Rat der Gemeinde Klein Vielen, 1.8.1959: Quelle: Privatarchiv Behrens.