{"id":524,"date":"2016-10-31T20:00:49","date_gmt":"2016-10-31T20:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/kleinvielen-ev.de\/?page_id=524"},"modified":"2017-01-08T16:52:19","modified_gmt":"2017-01-08T16:52:19","slug":"die-zeit-der-benkendorffs-in-adamsdorf","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kleinvielen-ev.de\/?page_id=524","title":{"rendered":"Die Zeit der Benkendorffs in Adamsdorf"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry-content\">\n<p>Uta Matecki<br \/>\n<strong>Die Familie Benckendorff und die Dom\u00e4ne Adamsdorf<\/strong><\/p>\n<p>In dem \u2013 sehr lesenswerten \u2013 Erinnerungsbuch \u201eL\u00e4ndliches Leben in Mecklenburg in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts\u201c schreibt Bernhard Benckendorff jun. \u00fcber die Zeit, die seine Familie als Dom\u00e4nenp\u00e4chter in Adamsdorf verbrachte.<\/p>\n<p>Der Vater Bernhard Benckendorff, geboren 1876 in Eldingen im Kreis Celle, erlebte seine Kindheit auf dem Gut Carolinenhof bei Waren und besuchte das Gymnasium in Waren. Danach lernte er an der landwirtschaftlichen Schule in Hildesheim, an Hochschulen und sp\u00e4ter in verschiedenen Anstellungen Theorie und Praxis seines Berufs. Von 1905 bis 1929 lebte B. Benckendorff sen. mit seiner Frau Gertrud aus Altona\/Hamburg als P\u00e4chter auf dem Staatsgut Hof Grabow n\u00f6rdlich von Parchim. Sieben Kinder kamen im Zeitraum von 12 Jahren zur Welt, als J\u00fcngster im Jahr 1918 der Verfasser des Erinnerungsberichts. Er erinnert sich an eine beh\u00fctete und \u2013 als Kind der Gutsherrschaft \u2013 privilegierte Kindheit mit Kinderm\u00e4dchen und Hauslehrerin. Im Vergleich zu ihren Standesgenossinnen in der Stadt hatten aber die Frauen der Gutsp\u00e4chter sehr viel mehr Aufgaben und Arbeit und mussten w\u00e4hrend der Zeit des 1. Weltkriegs durchaus \u201eihren Mann stehen\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_464\" aria-describedby=\"caption-attachment-464\" style=\"width: 594px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-464\" src=\"http:\/\/kleinvielen-ev.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Gut-Adamsdorf-ca-1930-Benckendorff-2006-S-119-Niemann-M-Hg-300x187.jpg\" alt=\"gut-adamsdorf-ca-1930-benckendorff-2006-s-119-niemann-m-hg\" width=\"594\" height=\"370\" srcset=\"https:\/\/kleinvielen-ev.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Gut-Adamsdorf-ca-1930-Benckendorff-2006-S-119-Niemann-M-Hg-300x187.jpg 300w, https:\/\/kleinvielen-ev.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Gut-Adamsdorf-ca-1930-Benckendorff-2006-S-119-Niemann-M-Hg-768x478.jpg 768w, https:\/\/kleinvielen-ev.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Gut-Adamsdorf-ca-1930-Benckendorff-2006-S-119-Niemann-M-Hg-1024x637.jpg 1024w, https:\/\/kleinvielen-ev.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Gut-Adamsdorf-ca-1930-Benckendorff-2006-S-119-Niemann-M-Hg.jpg 1434w\" sizes=\"(max-width: 594px) 100vw, 594px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-464\" class=\"wp-caption-text\">Das Gutshaus in Adamsdorf, ca. 1930. Aus: Niemann 2006: 119.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Jahr 1929 wurde auch die Familie Benckendorff vom so genannten P\u00e4chtersterben in Mecklenburg erfasst. Nicht nur die gro\u00dfe wirtschaftliche Krise, auch die politischen Gegens\u00e4tze zwischen der damaligen Landesregierung in Schwerin und den meist deutsch-national gesinnten Gutsp\u00e4chtern hatten daran ihren Anteil. Bernhard Benckendorff sen. f\u00fchrte einen Prozess mit der Regierung, um zumindest einen Teil der erwirtschafte-<br \/>\nten Werte zur\u00fcckzubekommen. Das Urteil nach einj\u00e4hrigem Verfahren fiel zu Gunsten der Benckendorffs aus: Schwerin musste ihnen eine andere Dom\u00e4ne verpachten, drei standen zur Auswahl. Die Familie entschied sich f\u00fcr Adamsdorf bei Neustrelitz, damals im Kreis Waren\/M\u00fcritz gelegen, mit 262 ha landwirtschaftlicher Nutzfl\u00e4che. Das Gut in Adamsdorf war erheblich kleiner als Hof Grabow, auch das Wohnhaus und die Stallungen. Die beiden \u00e4lteren Schwestern und abwechselnd einer der vier S\u00f6hne unterst\u00fctzten die Eltern bei der Arbeit. Sohn Bernhard nennt in seinem Bericht den leichten Sandboden mit vielen Steinen und lehmigen Anteilen und die Sch\u00e4den durch das in den Staatsforsten ringsum reichlich vorhandene Wild als ung\u00fcnstige Voraussetzungen (Benckendorff sen. war seit 1905 der 11. P\u00e4chter!!!).<br \/>\nDas Gut Adamsdorf hatte einen Kuhstall mit 30 Milchk\u00fchen, einen Schafstall mit 200 Mutterschafen und eine anerkannte Schweinezucht. Auf den Feldern stand der Kartoffelanbau an erster Stelle. Der Betrieb durfte Lehrlinge ausbilden und einige Adamsdorfer Familien arbeiteten mit auf dem Hof \u2013 zu welchen Bedingungen erfahren wir allerdings nicht. Adamsdorf hatte um die Zeit (1930) noch keinen elektrischen Strom, die meisten Fahrten wurden noch mit Pferdefuhrwerken erledigt. Bernhard Benckendorff jun. ging damals im Carolinum in Neustrelitz zur Schule.<br \/>\nDie Macht\u00fcbergabe an die Nationalsozialisten 1933 wurde im Hause Benckendorff wie allgemein in deutsch-nationalen Kreisen wohl begr\u00fc\u00dft, zun\u00e4chst ahnte auch keiner, welche gravierenden Folgen die politischen Ver\u00e4nderungen f\u00fcr die Familie bringen w\u00fcrden. Die Eltern der Mutter, einer geborenen Auerbach, waren n\u00e4mlich Juden, die 1893 zum Christentum konvertiert waren. Die Mutter wurde trotz christlicher Taufe zur J\u00fcdin erkl\u00e4rt, musste den Namen \u201eSarah\u201c annehmen und den Judenstern tragen, verbunden mit allen weiteren Einschr\u00e4nkungen, die dies bedeutete. Auch die Kinder waren betroffen: sie galten als Mischlinge 1. Grades und erhielten Berufs- und Heiratsverbot. Die dienstpflichtigen S\u00f6hne wurden aus dem Milit\u00e4r entlassen, der Autor musste das Gymnasium und die Hitlerjugend \u2013 er war Scharf\u00fchrer in Peckatel \u2013 verlassen. Bernhard Benckendorff sen. wurde aufgefordert, sich von seiner Frau scheiden zu lassen und das Land zu verlassen, beides lehnte er kategorisch ab.<br \/>\nDas Leben in Adamsdorf ging trotzdem seinen Gang, unterbrochen durch \u201egro\u00dfen Besuch\u201c 1937, als Hitler und Mussolini anl\u00e4sslich von Heeresman\u00f6vern in Neustrelitz und Umgebung auch in Adamsdorf vor dem Gutshaus Halt machten. Der Autor erinnert sich: \u201eZum ersten und letzten Mal wurde eine Hakenkreuzfahne auf dem Rondell vor dem Hause gehisst. Mutti musste sich im Hintergrund halten.\u201c<br \/>\nF\u00fcr den Einsatz im 2. Weltkrieg waren die S\u00f6hne der Familie dann wieder gut genug. Ihre Teilnahme am Krieg verhinderte wohl auch, dass die Mutter in ein Konzentrationslager deportiert wurde. Trotz entsprechender Eingaben wurde aber die Gleichstellung des Autors und seiner Geschwister mit \u201edeutschbl\u00fctigen Personen\u201c weiterhin abgelehnt. Die Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits wurde 1943 mit 87 Jahren aus Hamburg nach Theresienstadt abtransportiert und dort umgebracht.<br \/>\nDer Betrieb in Adamsdorf wurde \u2013 zum gro\u00dfen Teil durch Zwangsarbeit von polnischen Kriegsgefangenen \u2013 aufrecht erhalten. Als 1945 die Sowjetarmee nach Mecklenburg einr\u00fcckte, entschlossen sich die in Adamsdorf verbliebenen Familienmitglieder zur Flucht, wurden aber von den Sowjets \u00fcberrollt. Sie kehrten nach Adamsdorf zur\u00fcck, wo sie das Gut verw\u00fcstet vorfanden und in der ehemaligen F\u00f6rsterei Unterkunft nehmen mussten. Die Mutter des Autors starb noch 1945 an Typhus und Paratyphus.<br \/>\nIn der Folgezeit fl\u00fcchtete ein Teil der Familie in die BRD, der Vater, zwei Br\u00fcder und die beiden \u00e4ltesten Schwestern \u201elandeten\u201c \u2013 nach Zwischenstation in Peckatel \u2013 auf dem Pfarrhof Gro\u00df Lukow bei Penzlin. Eine Anerkennung als Opfer des Faschismus wurde ihnen verwehrt, so dass der Vater auf Unterhalt durch seine Kinder angewiesen war. Im Zuge der Kollektivierungsma\u00dfnahmen in der Landwirtschaft verlie\u00df auch Bernhard Benckendorff jun. 1954 die DDR. Er baute sich mit seiner Familie in Oberbayern eine neue Existenz auf, wo ihm 1961 nach jahrelangem Prozess die Anerkennung als Fl\u00fcchtling und damit auch finanzielle Entsch\u00e4digung gew\u00e4hrt wurde. Der Vater starb 1955 im Krankenhaus Neustrelitz, auf den Tag genau 10 Jahre nach dem Tod seiner Frau Gertrud. Beide sind auf dem Friedhof in Liepen beigesetzt worden. Von der Grabstelle findet sich dort heute nichts mehr.<br \/>\nIm Juni 1980 trafen sich der Verfasser des Erinnerungsberichts und seine Geschwister \u2013 zum letzten Mal alle gemeinsam \u2013 zur Goldenen Hochzeit der Schwester Gisela in Hornbek bei M\u00f6lln.<\/p>\n<p>(nach: Bernhard Benckendorff, <em>Die Familie Benckendorff und die Dom\u00e4nen Hof Grabow und<\/em> <em>Adamsdorf <\/em>in: \u201eL\u00e4ndliches Leben in Mecklenburg in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts\u201c, herausgegeben von Mario Niemann. Ingo Koch Verlag, Rostock 2006)<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Uta Matecki Die Familie Benckendorff und die Dom\u00e4ne Adamsdorf In dem \u2013 sehr lesenswerten \u2013 Erinnerungsbuch \u201eL\u00e4ndliches Leben in Mecklenburg in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts\u201c schreibt Bernhard Benckendorff jun. \u00fcber die Zeit, die seine Familie als Dom\u00e4nenp\u00e4chter in Adamsdorf verbrachte. 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