Ein Friedhof erzählt Geschichte(n)

(Hermann Behrens, 2021) Von etwa 1851 bis 1871 war Langhagen eine Domäne des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin. 1871 wurde sie vom Großherzog von Mecklenburg-Strelitz gekauft und zwei Jahre später eine Oberförsterei Langhagen gebildet, die zunächst der bisher in Wesenberg wirkende Oberförster Rudolf Hahn leitete. Das Gutshaus in Langhagen wurde nun zum Sitz der Oberförsterei. Die Domäne Langhagen blieb bestehen. Von der Oberförsterei wurden insgesamt 4.804 Hektar verwaltet. Auf Hahn, der 1888 nach Neustrelitz versetzt wurde, folgte der Forstmeister Friedrich von Wenckstern.

Langhagen liegt an einem recht großen, nach dem Ort benannten See mitten im Forst zwischen Kratzeburg und Blankenförde, von beiden Orten etwa dreieinhalb Kilometer entfernt. Als Friedrich von Wenckstern die Oberförsterei übernahm, bestand der Ort aus wenigen Gebäuden. Dem Domänengebäude waren in Richtung Langhäger See zwei Wirtschaftsgebäude vorgelagert. Ein weiteres Wirtschaftsgebäude stand südlich vom Wohnhaus. An der gepflasterten Dorfstraße in Richtung Kratzeburg lagen zwei Forstarbeiterkaten, deren Bewohnerinnen und Bewohner sich ein Wirtschaftgebäude teilten. Zudem ist ein kleiner Friedhof erkennbar.

Friedrich von Wenckstern wurde am 22. Juli 1853 in Neustrelitz geboren. Laut Borrmann, der ihn irrtümlicherweise Wenckstein nennt, entstammte er einer Neustrelitzer Offiziersfamilie (Borrmann 2010: 90), offenbar der des „Obristleutnants“ von Wenckstern.
Friedrich war verheiratet. Seine Ehefrau Hedwig kam aus Krümmel und wurde dort am 10. Juni 1855 als Tochter des Gutsbesitzerehepaars von Arenstorff geboren. Ihre Vorfahren hatten von 1606 bis 1609 erste Besitzanteile in Krümmel erworben. Ab 1705 gehörte den von Arenstorff ganz Krümmel einschließlich der Gerichtsbarkeit und des Kirchenpatronats.
Offenbar hatten Friedrich und Hedwig von Wenckstern keine Kinder. In einer Volkszählungsliste aus dem Jahr 1900 werden neben dem Ehepaar lediglich ihre Wirtschafterin Berta Albrecht, das Dienstmädchen Emma Schwinkendorf, der Diener August Kähler, der Jäger Eduard Günther und der Jägerlehrling Hans Schütz als zur Wohnung der Oberförsterei gehörig genannt. Es deutet bislang nichts darauf hin, dass es Kinder gegeben haben könnte, die die elterliche Wohnung vielleicht bereits verlassen hatten.

Als Friedrich von Wenckstern 1888 in die Oberförsterei einzog, gehörten zur Domäne Langhagen 823,4 Hektar, davon waren 50 ha Acker, 23 ha Wiesen, 24 ha Weiden, 650 ha Wald sowie 76,4 ha Gewässer, Öd- und Unland, Haus-, Hofraum und Wege (entsprach 1.196,14 bonitierte Scheffel) (Müller 1888: 146).
Einige Jahre später, 1896, hatte sich die zum Lehngut gehörende Fläche unwesentlich auf 835,9 ha vergrößert, davon waren fast unverändert 51,1 ha Ackerland, die bewirtschafteten Grünlandflächen hatten sich etwas vergrößert (24,1 ha Wiesen, 31.3 ha Weiden), auf 651,6 ha stand Wald und 77,3 ha umfassten die Gewässer sowie Wege, Öd- und Unland (Güter-Adreßbuch 1896: 130).

In den nächsten 20 Jahren nahm der Ackerbau stark ab. Von den insgesamt 823,4 Hektar wurden nur noch 18 ha beackert. Auch die Weidehaltung scheint abgenommen zu haben, denn es wurden nur noch 40 ha Wiese verzeichnet, eine Angabe zu Weiden fand sich nicht. Ein Teil der zuvor landwirtschaftlich genutzten Flächen wurde aufgeforstet, denn der Waldanteil hatte sich von 651,6 ha (1896) auf 694,5 ha Wald erhöht. Gewässer nahmen 71 ha in Anspruch, für Öd- und Unland sowie Wege fand sich ebenfalls keine Angabe (Maltzan 1920: 208). Vielleicht war auch ein Teil der Öd- und Unlandflächen aufgeforstet worden.

Forstmeister Friedrich von Wenckstern versah seinen Forstdienst in Langhagen bis 1923 – in dem Jahr wurde er 70 Jahre alt! Borrmann beschrieb ihn als „der große und schnelle Läufer, da kaum jemand in der Lage war, ihm bei langen Fußmärschen zu folgen. Da der strenge und exakte von Wenckstein [sic!] auch sonst äußerst beweglich war, konnten sich seine Förster nie sicher sein, wo er einmal urplötzlich im Revier auftauchen würde“ (Borrmann 2010: 90).
Von Wenckstern verstarb am 26. Juli 1935 in Neustrelitz und wurde wohl auch dort begraben, denn in Langhagen findet sich – heute noch – nur der Grabstein seiner Frau Hedwig (siehe Foto), die dort am 4.(?) Mai 1914 verstarb. Er zeugt von der Ära der Oberförsterfamilie von Wenckstein und zugleich von einem Stück der Geschichte der von Arenstorff aus Krümmel. Die anderen Grabsteine auf dem Friedhof zeigen die Geschichte der Forstarbeiterfamilien auf. So bezeugen sehr schön erhaltene Grabsteine den frühen Tod einer Tochter der Familie Reggentin. Anna starb im Alter von erst 23 Jahren, und der Gedenkspruch auf dem Grabstein zeugt von dem großen Schmerz der Eltern: „Ich war der Mutter Trost, dem Vater eine Freude. Gott aber liebt mich mehr, als meine Eltern beide“.

Borrmann schildert auch die weitere Entwicklung der Oberförsterei bzw. dann des Forstamtes Langhagen. Auf Friedrich von Wenckstern folgte Forstmeister Veit Ludwig von Seckendorf, der die Oberförsterei bis 1934 und dann das Forstamt Langhagen von 1934 bis 1945 leitete. Seckendorf, ein Deutsch-Nationaler, war eng mit Baron le Fort auf Boek befreundet, der während des faschistischen Kapp-Putsches 1923 Waren mit Artilleriegeschützen beschießen ließ. In Seckendorfs Amtszeit fiel der große Waldbrand an der Müritz, durch den 1934 etwa 1.500 Hektar Wald geschädigt wurden, darunter 450 Hektar des Forstamtes Langhagen (Borrmann 2010: 91).

Nach der Befreiung vom Faschismus übernahm kurzzeitig Revierförster Hans Holldorf aus Neustrelitz die Leitung. Er wurde wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft im Sommer 1945 verhaftet, sodass ein neuer Leiter kam, Oberförster Karl-Heinz Waak aus der Revierförsterei Blankenförde. Wiederum für eine kurze Zeit, zwischen 1950 und 1951, wird ein Oberförster Mönke genannt, und spätestens mit der Bildung der Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebe in der DDR im Jahre 1952 wurde Revierförster Werner Hellwig, der als Sohn des Oberförsters Bernhard Hellwig und seiner Frau am 12. März 1903 in Kratzeburg geboren worden war, zum Oberförster von Langhagen ernannt. Er blieb es bis zu seiner Invalidisierung 1971. Die Familie behielt bis zu Hellwigs Tod am 23. Februar 1981 das Wohnrecht im Forsthaus Langhagen.
Die Nachfolger Hellwigs hießen Oberförster Günter Reinsberg (von 1971 bis Oktober 1984) und Forstmeister Dr. Günter Spank (ab 1984). Die Verwaltungsstrukturen änderten sich in dieser Zeit mehrmals.
Ab 1. Januar 1992 wurde Langhagen wieder zum Forstamt, allerdings mit Sitz in Neustrelitz, Spank behielt die Leitungsfunktion. Ab 1. Januar 1996 wurden die Waldflächen des Müritz-Nationalparks, in dem auch überwiegend die des bisherigen Forstamtes Langhagen lagen, in die Zuständigkeit des Nationalparks übertragen. Das Forstamt Langhagen wurde aufgelöst und Dr. Spank wechselte in die Nationalparkverwaltung (vgl. Borrmann 2010: 92 f.). Das ehemalige Gutshaus bzw. Domänengebäude wurde verkauft und wechselte in der Folge mehrmals den Besitzer. Die Flächen mit der Kapelle und dem Friedhof kamen unlängst in das Eigentum bzw. die Verwaltung des Nationalparks.

Mit den Verwaltungsänderungen der 1990er Jahre und den Eigentumswechseln gerieten die Kapelle und der kleine Friedhof aus dem „Pflegeblick“. Der Friedhof wirkt heute verwahrlost, die kleine Kapelle, ein massiver kleiner Klinkerbau mit einem Satteldach, weist erste Schäden im Dach auf. Die Kapelle wird durch einen schönen alten Efeu geschmückt, der ebenfalls der Pflege bedarf. Auf einer Seite ist er zum Absterben gebracht worden.
Auch ein Arboretum war einmal in Langhagen angelegt worden. Anfang der 1990er Jahre waren die Bäume darin noch mit Schildchen gekennzeichnet. Davon findet sich auf den ersten Blick heute nichts mehr.
Aktuell bietet sich also kein schönes Bild für die zahlreichen Erholungssuchenden, die auf ihrem Weg durch den alten Ort kommen, der jahrhundertelang ein Vorwerk des Gutes Klein Vielen, dann großherzogliche Domäne, schließlich Sitz einer Oberförsterei und eines Forstamtes war und heute nur noch eine sterbend anmutende Streusiedlung im Müritz-Nationalpark ist.
Die Nationalparkverwaltung, die erst seit kurzem für diese historischen Zeugnisse in Langhagen zuständig ist, möchte sie aber für die Nachwelt erhalten und für sie Interesse wecken. In Kooperation mit der Hochschule Neubrandenburg soll im Laufe des Jahres über mögliche Nutzungen und Pflegemaßnahmen nachgedacht und ein entsprechendes Konzept erarbeitet werden. Vielleicht erzählt Langhagen dann in absehbarer Zeit auf besondere Weise seine spannende Geschichte.

Quellen
Borrmann, K. 2010: Mecklenburg-Strelitzer Forstamts-Geschichten. Hrsg. vom Waldmuseum „Lütt Holthus“ Lüttenhagen. Neustrelitz.
(E. Brückner) 1896: Güter-Adreßbuch für Mecklenburg-Schwerin und -Strelitz. Neubrandenburg.
Maltzan, A. 1920: Mecklenburg – Schwerin und Strelitz. Oldenburgischer Landesteil Lübeck, Städte Bremen, Lübeck, Hamburg. Berlin.
Müller, T. 1888: Handbuch des Grundbesitzes im Deutschen Reiche. Berlin.
Kartenausschnitte: Topografische Karte 1 : 25.000, Nr. 2643 (aktualisiertes Messtischblatt 1882). Studienarchiv Umweltgeschichte an der Hochschule Neubrandenburg, Planarchiv. [Kartenausschnitt Ortslage: vom Autor bearbeitet]