Wassermühlen

Im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung begann sich in Europa eine Technologie zu verbreiten, die fast 2000 Jahre fester Bestandteil der Wirtschaft und Landschaft sein sollte: Die Wassermühle (Kur & Wolf 1992: 14).
Während Wasserkraft bereits mit Hilfe von einfachen Schöpfrädern genutzt wurde, beschrieb der römische Architekt Vitruv Mühlen, die Zahnräder verwendeten, um die horizontale Fließbewegung des Wassers in eine vertikale Drehbewegung umzusetzen und so liegende Mahlsteine anzutreiben (Kur & Wolf 1992: 14). Nach dem römischen Vorbild wurden unzählige Mühlanlagen gebaut und weiterentwickelt.

Die Abbildung (Schelle 1999:  144) zeigt, wie eine Wassermühle mit unterschlächtigem Wasserrad funktioniert – das große Wasserrad treibt durch die konstante Strömung das kleinere Kammrad an, dessen Kämme wie Zahnräder in das horizontal stehende Stockgetriebe greifen und so den Mahlstein in eine Drehbewegung versetzen.
Wassermühlen wurden  neben dem Mahlen von Getreide auch als „Hämmer, Stampfen, Ölpressen, Pulvermühlen, Schleifmühlen, als Bohrmaschinen [und] zum Antrieb von Webstühlen“ (Maywald et al. 1982: 7) verwendet. Zu diesen Zwecken wurden an Stelle der Mühlsteine Sägen, Nockenwellen, Rollsteine oder Gelenkgestänge verbaut.
Auch im Bergbau fanden sie Verwendung, da Wasserräder Pumpen und Aufzüge antreiben können.

Im 12. Jahrhundert kam mit der deutschen „Ostkolonisation“ die Mühlentechnik in die ehemals slawischen Gebiete Mecklenburgs (Kniesz 2015: 83). Rund 200 Jahre später wurden die ersten oberschlächtigen Mühlräder entwickelt (Kur & Wolf 1992: 25). Bei diesen wird nicht, wie in der Abbildung zu sehen, das Rad in einen Wasserlauf eingehängt, sondern über einen Zulauf oberhalb des Rades das Wasser in die Radschaufeln gelenkt, so dass nicht nur die Stoßkraft, sondern auch das Gewicht des Wassers wirksam wird (Douffet et al. 1977: 119).
Oberschlächtige Wasserräder haben bei gleicher Größe wie unterschlächtige die rund doppelte Leistungsstärke, doch um sie effektiv betreiben zu können, waren umfangreiche Wasserbauarbeiten vonnöten. Wo ein Mühlgraben als Zulauf nicht ausreichte, wurden Mühlteiche angelegt, um Wasser kontrolliert der Mühle zuführen zu können (Kur & Wolf 1992: 25).

Die Bedeutung von Mühlen in Wirtschaft und Gesellschaft wird bei der Betrachtung verschiedener mittelalterlicher Gesetze und Regelungen besonders deutlich. Hier sticht der Mahlzwang beziehungsweise Mühlenbann heraus, der Bauern verpflichtete, ihr Korn in der Mühle ihres Grund- bzw. ihres Gutsherrn gegen eine Gebühr mahlen zu lassen (Krull 2020: 102 f.). Eine Folge davon war, dass Wassermühlen nicht nur an das Gewässernetz gebunden waren, sondern auch eine wichtige Stellung im Wegenetz einnahmen (Kniesz 2015: 83).
So galten sie im Gegensatz zu den landschaftsbestimmenden Bauwerken der Windmühlen als landschaftsverändernde Objekte und beeinflussten den Aufbau der umliegenden Orte und die Landnutzung (Kniesz 2015: 83). Nachdem im 19. Jahrhundert effektivere Turbinen die Wasserräder in der Wirtschaft zu verdrängen begannen (Limmer & Zumbrägel 2020: 183), entwickelten die Wassermühlen sich, angetrieben durch die Tätigkeiten der Heimatschutzbewegung, zu einem romantisierten Objekt aus vorindustriellen Zeiten, das Natur und Technologie verbindet (vgl. Limmer & Zumbrägel 2020: 194).
Dies mag ein Grund dafür sein, dass noch heute vielerorts Wassermühlen erhalten sind, ihren Weg in Freilichtmuseen fanden oder zu Wohnhäusern umfunktioniert wurden.
1952 wurden sie in der DDR als Kulturdenkmale unter gesetzlichen Schutz gestellt (Gleisberg 1956: 7), dennoch waren im Jahr 2001 von den rund 90 Mühlenstandorten im ehemaligen Mecklenburg-Strelitz nur noch 33 Mühlen, davon 21 Wassermühlen erhalten (Kniesz 2002: 209).
[Text: Marie Abraham, Till Berndt & Vanessa Götz, 2021]

Quellen
Douffet, H. et al. 1977: Technische Denkmale in der Deutschen Demokratischen Republik. Hrsg. von der Gesellschaft für Denkmalpflege im Kulturbund der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin.
Gleisberg, H. 1956: Das kleine Mühlenbuch. Deutsche Heimatbücherei. Hrsg. vom Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands – Zentrale Kommission Natur- und Heimatfreunde. Berlin.
Kniesz, J. 2002: Mühlen in Mecklenburg-Strelitz. Papierherstellung in Mecklenburg-Strelitz. In: Erstling, F.; Saß, F.; Schulze, E. & Witzke, H.: Mecklenburg-Strelitz. Beiträge zur Geschichte einer Region. Band 2. Hrsg. vom Landkreis Mecklenburg-Strelitz. Friedland/Meckl.: 204–238.
Kniesz, J. 2015: Wassermühlen im Einzugsgebiet der Havel zwischen Neustrelitz und Feldberg. In: Kaiser, K.; Kobel J.; Küster, M. & Schwabe, M. (Hrsg.): Neue Beiträge zum Naturraum und zur Landschaftsgeschichte im Teilgebiet Serrahn des Müritz-Nationalparks. Forschung und Monitoring, Bd. 4. Berlin: 83–96.
Krull, G. 2020: Eine Windmühle zwischen Brustorf und Peckatel. In: Klein Vielen e.V. (Hrsg.) Dorfzeitung – Zwischen Lieps und Havelquelle 11: 102‒104.
Kur, F. & Wolf, H. G. 1992: Wassermühlen. 35000 Kleinkraftwerke zum Wohnen und Arbeiten. Karlsruhe.
Limmer, A. & Zumbägel, C. 2020: Waterpower romance: the cultural myth of dying watermills in German hydro-narratives around 1900. In: Water History Vol.12 (2020).
Maywald, B.; Saalbach, A. & Wagenbreth, O. 1982: Wind- und Wassermühlen als technische Denkmale. In: Kulturbund der DDR (Hrsg.): Die Mühlen in Geschichte und Gesellschaft. Berlin.
Schelle, W. 1999: Mühlenbau. Wasserräder und Windmühlen bewahren und erhalten. Berlin.